Hast Du körperliche Beschwerden, deren Ursache ungeklärt ist?
Wie zum Beispiel chronische Schmerzen, Hautkrankheiten, Autoimmunerkrankungen, Asthma, Verdauungsprobleme oder Migräne? Oder bist Du oft niedergeschlagen, fühlst Dich ausgebrannt, überlastet und müde?

Dann wird dir dieser Artikel wahrscheinlich eine ganz neue Perspektive eröffnen:
Und zwar erkläre ich die Polyvagal Theorie.
Im Zusammenhang mit Stress hört man ja immer öfter vom Vagusnerv und dass man ihn stimulieren soll. Die Polyvagal Theorie ist die Wissenschaft, die dahinter steckt, und sie wird wahrscheinlich unser ganzes Gesundheitssystem revolutionieren.


Was ist die Polyvagal Theorie?

Die Polyvagal Theorie wurde 1994 von Dr. Stephen Porges, einem anerkannten US-amerikanischen Psychologen und Neurobiologen, formuliert.
Dr. Porges sagt, dass die Funktionen unseres Nervensystems viel komplexer sind, als bisher angenommen.
Dabei steuert unser autonomes Nervensystem – für uns vollkommen unbewusst – viele Körperfunktionen wie zum Beispiel Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung, Muskelspannung und so weiter.
Anders als bisher angenommen, geht die Polyvagal Theorie aber davon aus, dass unser Nervensystem auch Einfluss auf unseren Gemütszustand und unser Verhalten hat, insbesondere auf unser Sozialverhalten.


Die drei Zustände des Nervensystems nach der Polyvagal Theorie
Die Polyvagal Theorie unterscheidet zwischen drei Zuständen des Nervensystems:

1. Der Ruhe- und Regenerationsmodus

In diesem Modus fühlst Du Dich sicher und zufrieden, und Dein Gemütszustand ist ausgeglichen und stabil. Dein Körper ist entspannt, Deine Körperfunktionen sind ausgerichtet auf Verdauung, Regeneration und Heilung. Deine Aufmerksamkeit ist weniger fokussiert. Du bist offen für Neues und kreativ. Du nimmst die Gefühle anderer besser wahr und bist gesellig und sozial eingestellt.

2. Der Flucht- und Kampfmodus

Dein Körper hat mögliche Gefahren wahrgenommen und mobilisiert sich für einen Kampf oder eine Flucht: Es werden Stresshormone ausgeschüttet, die Herzfrequenz und der Blutdruck erhöhen sich. Deine Muskeln spannen sich an, und die Verdauung, Wundheilung und das Immunsystem werden gehemmt, weil die Energie ja anderweitig gebraucht wird.
Im Flucht- und Kampfmodus bist Du impulsiv, rastlos und genervt. Und wahrscheinlich auch aggressiver. Du hast das Gefühl, dass Du immer aufpassen musst, was passiert, und hast eine Art Tunnelblick. Du willst die Dinge kontrollieren, bist misstrauisch und NICHT auf soziale Interaktion ausgerichtet.
Der Flucht- und Kampfmodus ist eine Stressreaktion und wurde von der Evolution so eingerichtet, damit wir Gefahren überleben können, z. B. wenn ein wildes Tier uns angreift.

Aber natürlich ist es unglaublich anstrengend, diesen mobilisierten Stresszustand längerfristig aufrechtzuerhalten.

3. Der Tod-stell Modus (Freeze oder Shutdown Modus)

Wenn Kämpfen oder Flucht nicht möglich sind oder wenn die Bedrohung zu überwältigend ist, dann schaltet das Nervensystem in eine Art Schock-Starre und wir sind emotional ausgeklinkt. Das ist ein natürlicher Schutzmechanismus, wenn die Situation aussichtslos ist.

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Das kann man zum Beispiel beobachten, wenn ein Löwe ein Gnu gefangen hat.
Sobald der Löwe das Gnu gepackt hat, fällt es in diesen Tod-stell Modus und bewegt sich nicht mehr, obwohl es noch lebt. Kämpfen oder Flucht sind unmöglich. Und so bleibt dem Gnu der Todeskampf erspart. Es spürt den tödlichen Biss des Löwen gar nicht mehr.
Wenn unser Körper in den Tod-stell Modus schaltet, sind wir total überfordert und ausgebrannt. Wir haben keine Kraft mehr zu kämpfen. Wir sind lethargisch, und alles kostet unglaublich viel Kraft. Wir ziehen uns zurück, sind dissoziiert und fühlen uns abwesend und wie taub.
Für Außenstehende kann so eine Person im Freeze-Modus einfach faul wirken, weil sie nichts auf die Reihe kriegt.


Zivilisationskrankheiten und Burnout

Wie diese drei Zustände des Nervensystems mit vielen Zivilisationskrankheiten und Burnout zusammenhängen und vor allem, wie man den Zustand seines Nervensystems regulieren und beeinflussen kann.


Unser Nervensystem hat also drei Zustände:

  1. Ruhe- und Regenerationsmodus
  2. Flucht- und Kampfmodus
  3. Todstell- oder Freeze-Modus

Im Alltag wechselt ein gesundes Nervensystem ständig zwischen diesen Zuständen hin und her, wobei der Übergang oft fließend ist.

Für uns vollkommen unbewusst beobachtet und analysiert unser autonomes Nervensystem permanent unsere Umgebung, die Menschen um uns herum und unseren eigenen Körper.
Und dann entscheidet das autonome Nervensystem, wie der Name schon sagt, ganz AUTONOM,
ob wir in Gefahr sind oder ob es sicher ist. Und dann passt es seinen Modus an die jeweilige Situation an.


Warum unser Nervensystem nicht rational reagiert

Wir können also unseren Zustand nicht mit unserem logischen Verstand beeinflussen.
Wenn unser Nervensystem denkt, wir sind in Gefahr, dann mobilisiert sich der Körper für Kampf oder Flucht. Auch wenn wir das gar nicht wollen.
Was Dein Körper als Gefahr wahrnimmt, ist ganz individuell und hängt davon ab, was Du in der Vergangenheit für Erfahrungen gemacht hast.
Wenn jemand zum Beispiel einen traumatischen Autounfall hatte, kann alleine schon der Geruch von Benzin eine Stressreaktion auslösen. Oder wenn jemand mit übermäßig strengen Eltern aufgewachsen ist, kann ein an sich normales Gespräch mit dem Chef über die eigene Arbeit eine Stressreaktion auslösen.

Diese ungewollten Stressreaktionen können also auch total überzogen oder vollkommen unnötig sein und einem das Leben schwer machen. Wie ein Feueralarm, der ständig aus Versehen losgeht. Insbesondere Menschen, die in der Kindheit misshandelt oder vernachlässigt wurden, haben als Erwachsene Probleme, ihr Nervensystem zu regulieren.


Unser Nervensystem regulieren

Das Problem ist, dass in unserer schnellebigen Gesellschaft viele Menschen leider gar nicht mehr zurückfinden in den Ruhe- und Regenerationsmodus. Sie stecken mehr oder weniger dauerhaft im Stress, beziehungsweise im Burnout fest.

Und wenn der Körper sich nie wirklich entspannen und regenerieren kann, weil er permanent voller Stresshormone gepumpt ist, dann macht sich das natürlich durch körperliche Symptome und Krankheiten bemerkbar:
Im Stresszustand schlägt das Herz schneller, man atmet flacher, die Muskeln sind dauerhaft angespannt, der Blutdruck permanent erhöht und die Verdauung funktioniert nicht richtig.
Da wundert es nicht, dass so viele Menschen mit Verdauungsproblemen, Rückenschmerzen, Muskelverspannungen oder Bluthochdruck zu kämpfen haben.

Dauerhaft erhöhte Stresshormone können außerdem die Immunreaktion hemmen und zu einer erhöhten Anfälligkeit für verschiedene Arten von Entzündungen führen.
So können Autoimmunerkrankungen entstehen, wie zum Beispiel rheumatoide Arthritis, Lupus oder Multiple Sklerose.
Und wenn der Stress und der Druck zu groß wird und der Körper nicht mehr kann, dann endet das Ganze in Burnout oder Depression.


Den Körper aus dem Dauerstress holen

Die Polyvagal Theorie stellt also nur fest, was wir eigentlich längst alle wissen:
Chronischer Stress wirkt sich negativ auf unsere Gesundheit aus. Unser Körper ist einfach nicht dafür ausgelegt, ständig auf der Flucht zu sein oder zu kämpfen. So hat er keine Chance, sich zu regenerieren und gesund zu werden. Aber wie kannst Du Deinen Körper aus dem Dauerstress rausholen?


Wie du Dein Nervensystem beeinflussen kannst

Die einzige Möglichkeit, die wir haben, unser Nervensystem zu beeinflussen, ist über die Sinneseindrücke, die unser Nervensystem beobachtet und analysiert.
Wenn wir verhindern wollen, dass wir in eine Stressreaktion rutschen, dann müssen wir unserem Körper Sicherheit signalisieren.

Was für Deinen Körper Sicherheit signalisiert, kann ganz individuell sein. Aber was im Allgemeinen gut funktioniert, ist:

  • Viel Schlaf und Erholung
  • Eine ruhige Umgebung
  • Ruhige Musik
  • Entspannende, ruhige Aktivitäten wie Yoga und Meditation
  • Atemübungen. Die Atmung ist im Prinzip die EINZIGE autonome Körperfunktion, die wir auch bewusst kontrollieren können.
  • Singen und Tanzen
  • Bewegung kann uns helfen, Stress abzubauen.
  • Umgib Dich mit ruhigen, ausgeglichenen Menschen, die Dir gut tun.
    Die Polyvagal Theorie betont auch, dass wir uns sicher fühlen, wenn die Menschen um uns herum ruhig sind und Sicherheit signalisieren. Das nennt sich Ko-Regulation.
  • Freundschaften und Beziehungen sind gut.
  • Und wenn Du Dich als Teil einer Gruppe oder Community fühlen kannst.
  • Körperliche Nähe und Kuscheln
  • Massage und alles, was Dich entspannt und Dir Spaß macht, hilft Deinem Nervensystem, sich zu beruhigen.

Die Polyvagaltheorie

Leider ist die Polyvagaltheorie ein relativ neues Konzept, das nur sehr langsam in unser Gesundheitssystem integriert wird. Langsam wird aber klar, dass man nicht einfach nur Symptome und Krankheiten behandeln kann, sondern man muss den Menschen als Ganzes betrachten.

Nur wenn wir mentale und körperliche Gesundheit zusammen behandeln, können wir diese Zivilisationskrankheiten in den Griff bekommen.


Ich hoffe, dieser Artikel hilft Dir, Dein Nervensystem und die Reaktionen Deines Körpers besser zu verstehen und vielleicht sogar Krankheiten besser zu begreifen. Falls Du jemanden kennst, dem diese Informationen weiterhelfen würden, freue ich mich natürlich, wenn Du diesen Artikel weiterempfiehlst!

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